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Adivasi-Frauen: Traumatischer Übergang in eine neue Zeit

Mari Marcel Thekaekara



Allzu leicht wird die Stellung der Frau in den traditionellen Adivasi-Gemeinschaften sehr romantisch gesehen. Es stimmt durchaus, daß Adivasi-Frauen sehr viel mehr Freiheit und Unabhängigkeit genießen als ihre Genossinnen innerhalb der übrigen indischen Gesellschaft. Im Vergleich zur hinduistischen, muslimischen oder christlichen Kultur scheinen die Adivasi ihren Frauen ein gleichberechtigteres Dasein zu ermöglichen. Wichtig ist hier der Komparativ. Denn die Bedingungen, unter denen Frauen außerhalb der Adivasi-Gemeinschaften leben, sind so schlecht, daß man sehr schnell geneigt ist, die oberflächlich gesehen ideale Situation der Adivasi-Frauen zu verherrlichen.

       Um sich die Stellung der Adivasi-Frauen einmal genauer vor Augen zu führen, ist es notwendig, sich die Geschichte der Adivasi-Gemeinschaften zu betrachten. Auch die Auswirkungen, die sich aus der schrittweisen Zerstörung der Adivasi- Gesellschaft, durch das Eindringen von Nicht-Adivasi in ihren Lebensraum, ergeben haben, müssen untersucht werden. Wir müssen uns hierbei auf die Nilgiris-Berge beschränken und auf die Erfahrungen, die das ACCORD-Team hier gemacht hat. Zunächst haben wir mit Frauen verschiedener Stämme (Paniya, Bettakurumba, Kattunaicken und Mullukurumbas) über ihre Lebensauffassung gesprochen, darüber, wie ihre Mütter die Vergangenheit erlebt haben und wie sie die heutige Zeit sehen. Hintergrund.

       Die meisten Adivasi im Gudalur-Tal erinnern sich lediglich an die Geschichte der Leibeigenschaft; Paniya und Kattunaicken wurden als Sklaven gehandelt, bis im 19. Jahrhundert die Sklaverei in Indien abgeschafft wurde. Sie waren Sammlerinnen und betrieben ein wenig Landwirtschaft. Sie jagten und betrieben ausgiebig Fischfang. Die Mullukurumba waren hauptsächlich Landwirte und Jäger.

       Ältere Adivasi-Frauen sprechen mit glänzenden Augen von den Zeiten, als es noch viel Nahrung gab. Eine ältere Mullukurumba erinnert sich: Alle hatten ihr eigenes Getreide � Reis, Mais und Hirse. Meistens reichte es für das ganze Jahr. Wenn wir selbst keines mehr hatten, liehen es uns andere bis zur nächsten Ernte. Die Frauen gingen drei- bis viermal in der Woche fischen, die Männer gingen zum Jagen. Was nicht sofort gegessen wurde, wurde getrocknet, überschüssiger Fisch und überschüssiges Fleisch für Gäste geräuchert. Eine Paniya fügt hinzu: Wir sammelten Yam -Wurzeln und verschiedene Knollen, Pilze während der Regenzeit, Jackfruit, Mangos, alle möglichen Früchte und Blätter im Sommer. Wir fingen Fische, Krabben und Garnelen. Oft fingen wir kleine Vögel in Fallen, oder es gab Reh- oder Wildschweinfleisch. Beide Frauen sind der festen Überzeugung, daß sie viel kräftiger und gesünder sind als ihre Töchter und Enkelinnen. Sie können nicht einmal die Hälfte des Reismehls stampfen, das wir an einem Tag schafften, beteuern sie. Keines dieser Kinder weiß so gut wie wir, was gute Nahrung ist. Aus dem Wald kamen Bauholz, Schilf und Bambus für ihre Häuser und genügend Brennholz fürs Kochen. Sie hatten wenige Bedürfnisse und sie tauschten Waldprodukte oder Getreide gegen Kleidung, Salz und andere Dinge. Niemand mußte mit Geld umgehen können. Das bedeutet, daß sie selbst zu Zeiten der Leibeigenschaft das meiste für ihren Lebensunterhalt aus dem Wald bekamen.

       Bei der Sozialstruktur gab es jedoch größere Probleme. Adivasi-Gemeinschaften erlaubten und einige ermutigten sogar zu großer sexueller Freiheit vor der Ehe. Wenn ein Paar dann ein Kind bekam, bedeutete das im allgemeinen Stabilität und mündete in eine beständige Beziehung. Aus der Leibeigenschaft jedoch folgte der Zusammenbruch der Familien, so daß z. B. bei den Paniya, Kattunaicken und Bettakurumba die alten Sicherungssysteme nicht mehr funktionieren. Wenn ein Landbesitzer gute ArbeiterInnen hatte, wurde er schlechtere ArbeiterInnen los, indem er sie zu weit entfernt wohnenden Verwandten schickte. Dann wurden die bevorzugten ArbeiterInnen dazu ermutigt, andere PartnerInnen zu heiraten, die ebenfalls gut arbeiteten. Durch Generationen hindurch führte das zu einer vollständigen Zerstörung der Familien. Adivasi haben auf diese Weise oft Kinder von drei oder vier verschiedenen PartnerInnen. Im allgemeinen leiden die Frauen darunter besonders.

       Die Leibeigenschaft führte auch zu völliger Abhängigkeit von den Landbesitzern, den bereits erwähnten Chetty. Alle religiösen und sozialen Zeremonien (sog. pujas) konnten nur dann stattfinden, wenn die Chetty Reis, Kokosnüsse, Öl und Betelnüsse zur Verfügung stellten. Eheschließungen finanzierten die Chetty. Das Feuer für alle pujas kam aus den Tempeln der Chetty. Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft waren diese traditionellen Hochzeiten selten. Niemand konnte sich so etwas leisten; also liefen frischgebackene Paare einfach davon. Dieses "Gemeinsam-Weglaufen" wurde früher einmal von den Ältesten und religiösen Führern bestraft. Aber mit dem Zerfall des Wertesystems wurden Strafen nicht mehr so konsequent verhängt. Die Autorität der Älteren litt dadurch, und so wurde dieses früher geächtete Verhalten zur täglichen Praxis. Durch diese Veränderungen wurde den Adivasi-Frauen einiges aufgebürdet, wie wir später noch sehen werden.

       Die Übernahme der religiösen und kulturellen Autorität durch die Chetty war auch der Beginn eines Prozesses, der in steigendem Maße die Adivasi-Gemeinschaften und die Adivasi-Kultur auf subtile Weise herabsetzte. Beispielsweise durften Adivasi ihren mundu (Lendenschurz) nicht tiefer als bis zu den Knien tragen. Dadurch sollten sie lernen, welchen Platz sie in der Gesellschaft hatten und daß sie "Höhergestellten" nicht nacheifern durften. Die Adivasi-Sprachen gingen mit Ausnahme des Bettakurumba fast vollständig verloren und wurden zu Dialekten des Malayalam, Tamil und Kannada. Die Bettakurumba konnten sich ihre Traditionen erhalten, weil sie an ihren Geistern festhielten. Dadurch wurden viele Einflüsse von außen für tabu erklärt.

       In den frühen 60er Jahren schickte die indische Regierung sog. Pioniere in die Wälder von Gudalur und Wyanad, um sie zu roden und den Anbau von Nahrungsmitteln zu beginnen. Alle möglichen Anreize wurden geschaffen. Niemand dachte daran, daß die Region von Adivasi besiedelt war und man vergaß völlig, daß sie vorrangige Rechte haben könnten. Wenige Adivasi hatten schriftliche Beweise für ihren Landbesitz. Die Neuankömmlinge waren hauptsächlich Christen aus Kerala, als Chetans bekannt, und wollten möglichst viel Land besitzen. Sie zerstörten die Leibeigenschaft, indem sie die Adivasi mit Geld von den Chetty weglockten. Das führte dazu, daß das bisherige Tauschsystem der Adivasi durch ein Geldsystem ersetzt wurde.

       Die Adivasi, die zum ersten Mal mit Geld umgehen mußten, wußten überhaupt nicht wie. Dadurch verschuldeten sie sich nach und nach bei den Chetans, die diese Situation ausnutzten und sehr schnell in den Besitz großer Teile von Adivasi-Land kamen - der Beginn der Landvertreibung. Zusammen mit der Geldwirtschaft führten die Chetans den Alkohol ein, der indigene Völker in der ganzen Welt verführt und zerstört hat. Das führte zu einer bis dato unbekannten Hölle für Adivasi-Frauen, die noch nie Erfahrungen mit alkoholbedingter Gewalt gemacht hatten.

       Ohne Ausnahme sind sich die Adivasi-Frauen einig darüber, daß Armut sie am meisten betrifft. Da sich sehr viele Menschen in der Region neu ansiedelten, wurde den Adivasi ihr Land genommen, um darauf Plantagen anzulegen. Der darauf angebaute Tee und Kaffee war für sie unbezahlbar. Dann begann die Forstbehörde, sie zu vertreiben. Belästigungen und Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Es wurde immer schwieriger für sie, Baumaterialien für ihre Häuser zu bekommen. Sie durften kein Feuerholz mehr im Wald sammeln. Auch das Jagen gehörte der Vergangenheit an.

       Das bedeutete ebenfalls, daß ihre einst gesunde Ernährung enorm eingeschränkt wurde. Proteine wurden zu einem Luxus der Vergangenheit. Die Frauen litten am meisten darunter. Es gab nur wenige Adivasi-Frauen, die keine Anämie hatten. Der Proteinmangel wurde besonders während der Schwangerschaft deutlich. Viele junge Mütter starben, und nur ein paar Linsen mit ein wenig Sago hätten ihnen das Leben erhalten. Jede Frau wurde etwa acht- bis zehnmal schwanger. Aber nur zwei oder drei Kinder konnten überleben. Wenn es wenig zu essen gab, gaben die Frauen ihren eigenen Anteil ihren Jüngsten. Am Morgen tranken sie im allgemeinen eine Tasse schwarzen Tee oder Kaffee, und eine weitere am Mittag, um den Hunger zu vertreiben. Die einzige richtige Mahlzeit wurde abends eingenommen. Ein wenig Reis wurde aufgehoben, damit die Kinder am nächsten Morgen einen Teller Reisbrei essen konnten. Aber selbst die "richtige" Mahlzeit bestand nur aus Reis mit Chili-Sauce.

       Die Frauen beklagen, daß Indiens Übergang zur Liberalisierung der Wirtschaft im Jahre 1992 verheerende Auswirkungen auf sie und ihre Familien hatte. Die meisten Frauen pflegten eine Rupie pro Tag für Linsen auszugeben, aber jetzt lachen die Verkäufer, wenn man sie bittet, für eine Rupie Linsen abzuwiegen. Öl ist ebenfalls unerschwinglich geworden. Der Preis vom subventionierten Reis hat sich verdoppelt, da durch Strukturanpassungsmaßnahmen die staatliche Subventionierung halbiert wurde. Die Frauen sagen, daß sie jeden Tag den Wunsch hegen, die ganze Familie wirklich satt machen zu können. Für die älteren Frauen ist der Gegensatz zwischen heute und den Tagen, an denen es geräuchertes Fleisch gab, eine bittere Pille.

       Zur Armut und zum Hunger kommt für die Frauen die Bedrohung durch den Alkohol. Chathi, ein Paniya, erklärt: Alkohol (Charayam) kam mit den Chetans. Sie machten die Männer auf eine Art und Weise zu Sklaven, die sich niemand hatte vorstellen können. Das ist schlimmer als Leibeigenschaft. Früher, bei den Chetty, bekam jeder zweimal im Jahr zu religiösen Festen ein wenig Alkohol. Es gab keine Spirituosengeschäfte. Jetzt gibt es mehr davon als Lebensmittelgeschäfte oder Apotheken.

       Nanji ist eine junge Paniya, die drei Babys verloren hat. Ihr Mann trat sie in betrunkenem Zustand in den Bauch, als sie hochschwanger war. Sie ist nicht die einzige. Frauenmißhandlung gibt es in allen Dörfern um Gudalur. Am schlimmsten ist es am Samstagabend, wenn die Männer ihren Lohn bekommen. Frauen, die ansonsten stark und entscheidungsfreudig sind, kauern in einer Ecke, wenn die Männer betrunken sind. Und doch bleiben sie bei ihnen und nehmen Woche für Woche unbeschreibliche Gewalt auf sich. Warum? frage ich Nanji. Weil sie ihn liebt und weil er sie liebt, wenn er nicht betrunken ist. Ich schüttele ungläubig den Kopf. Wenn ihr Mann nüchtern ist, behandelt er sie wie etwas Wertvolles. Wenn es ihr während der Schwangerschaft nicht so gut geht, bereitet er das Essen, macht die Wäsche und hackt Feuerholz, während sie am Feuer liegt. Er ist sogar besorgt darum, daß sie etwas zu essen bekommt. Allen Frauen geht es so. Also bleiben sie und verfluchen den Alkohol, nicht ihre Männer. Niemand mischt sich in diese persönlichen Angelegenheiten ein. Was ist, wenn eine Frau dabei umkommt? frage ich. Tiefes Schweigen. Später erklärte jemand: Normalerweise dauert so ein Streit nicht lange. Wenn man sich einmischt, ist die Frau im allgemeinen im ersten Moment sehr dankbar, aber wenn sich Mann und Frau am nächsten Tag wieder versöhnt haben, bekommt man als sich Einmischender einen schiefen Seitenblick. Das reicht als Grund für Nichtstun.

       In Theppakadu, dem staatlichen Tierschutzgebiet, haben die Adivasi-Frauen eine seltsame Begründung dafür, daß sie ihre betrunkenen und sie belästigenden Männer ertragen. Die Männer sind bei der Forstbehörde angestellt. Wenn die Frauen sie verließen, bekämen sie kein Geld. Es gibt innerhalb des Schutzgebietes keine andere Möglichkeit zu überleben. Alle wollen eine sichere Rente und andere staatliche Vergünstigungen. Also bleiben sie. Es ist schwierig für eine Frau mit Kindern, ihren Mann zu verlassen, wenn sie keine Unterstützung hat. Normalerweise versteht die Mutter einer solchen Frau, was los ist. Wenn eine Frau eine solche Mutter hat, wird sie den Mut aufbringen wegzugehen. Aber manchmal haben die Mütter ähnliche Probleme.

       In Kadichankolly, einer Siedlung der Bettakurumba, schritten Frauen einmal zur Tat. Sie riefen die Polizei. Aber letztendlich mußten sie sich dann darum kümmern, ihre Männer wieder auf freien Fuß zu bekommen, und so wurde das Ganze ein wenig zur Farce. Aber diese Maßnahme der Frauen sprach sich schnell herum. Adivasi-Frauen selbst sind sich nicht so sicher, ob eine solche Maßnahme wirklich gut ist. Aber zumindest war es eine spontane Initiative und rüttelte die Männer auf.

       Das nächste große Problem, auf das die Frauen zu sprechen kommen, ist die steigende Tendenz von Männern, ihre Frauen wegen jüngerer Frauen zu verlassen. Der Zerfall der Familie wurde oben schon auf die Jahre der Sklaverei und der Leibeigenschaft zurückgeführt, aber für dieses Phänomen gibt es keine einfachen Erklärungen. Sowohl Männer als auch Frauen können sich frei zur Trennung entscheiden. Die Adivasi-Frauen geben jedoch zu bedenken, daß ihre Männer sie im allgemeinen wegen jüngerer Frauen verlassen, während Frauen ihre Männer wegen des Alkohols oder anderer Probleme verlassen. In jedem Falle muß die Frau ihre Kinder allein aufziehen. Das ist besonders schwierig, wenn die Kinder jung sind und beaufsichtigt werden müssen. Oft muß die Frau eine ältere Verwandte bitten, das zu tun, wenn sie arbeiten gehen muß. Sehr selten unterstützen die abtrünnigen Väter ihre Kinder finanziell. Wenn jedoch die Frau wieder heiratet, behandelt der neue Ehemann ihre Kinder, als seien sie seine eigenen.

       Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, daß Adivasi-Frauen verlassen werden. Ihr Gesundheitszustand ist extrem schlecht. Im allgemeinen ist die erste Schwangerschaft der Anfang vom Ende für sie. Ein lebendiges, lachendes, sorgenfreies Mädchen verändert sich von einem Tag auf den anderen, wenn sie ein Kind bekommt. Man sieht geradezu die Blüte verwelken � das Mädchen wird zu einer müden, sorgenvollen, alternden Frau. Sie sieht schon nach dem ersten Kind ausgezehrt aus. Nach zwei oder drei Kindern wird sie sehr schnell alt. Das ist vermutlich ein wichtiger Grund dafür, daß ihr Mann sie verläßt. Es gibt eine steigende Anzahl von jungen Adivasi-Frauen, die Singles bleiben wollen, da sie vom Schicksal ihrer verheirateten Freundinnen abgeschreckt wurden. Daß Ehe keine attraktive Sache für sie zu sein scheint, ist eine ungewöhnlich neue Tendenz innerhalb der Adivasi-Gemeinschaft.

       Paradoxerweise genießen die Adivasi-Frauen in den Nilgiris-Bergen im Vergleich dazu in anderen Bereichen viel Freiheit und Unabhängigkeit. Sie haben in der Familie und zu Hause einen starken Anteil an den täglichen Entscheidungen. Sehr selten entscheiden die Männer für ihre Frauen, sie sprechen sich immer mit ihnen ab, wenn es um gemeinsame Belange geht. Die Frauen achten besonders darauf, daß sie ihr Einkommen unabhängig kontrollieren können. Im Krankenhaus kündigte einmal eine Kattunaicken an, daß sie nur für ihr eigenes Essen bezahle. Ihr kranker Mann müsse wiederkommen und seine Rechnung begleichen, wenn er wieder arbeiten könne. Adivasi-Ehepaare streiten sich oft darüber, wer den Reis für das Abendessen besorgt. Oft gehen auch zwei oder drei Adivasi-Frauen ohne ihre Männer ins Kino oder zum Essen in einen kleinen Imbiß in der Stadt.

       Die Ehebeziehung ist sehr eng und warmherzig. Man sorgt füreinander. Deswegen verlassen Frauen ihre Männer nur ungern. Es sieht so aus, als mache der Alkohol aus den Männern gespaltene Persönlichkeiten, mit einer bedrohlichen Seite und einer warmherzigen, fürsorglichen Seite, die die Frauen nicht missen möchten. Bei den Bettakurumba, Kattunaicken und Paniya holen auch mal die Männer Wasser und sammeln Feuerholz, kochen, waschen und erledigen andere Hausarbeiten. Sie sorgen mit viel Liebe und Zärtlichkeit für ihre Kinder.

       Mullakurumba werden weit mehr von der Hindukultur beeinflußt, und deshalb kann man bei ihnen die übliche chauvinistische Arbeitsteilung beobachten. Ihre Frauen können nicht einfach so ins Kino oder zum Essen gehen. Deswegen beklagen sie sich auch oft, wenn ein Arzt oder medizinischer Helfer seine Runde macht, auch wenn sie gar keine Beschwerden haben.

       Der Einfluß billiger Kinofilme auf das Leben der Adivasi ist enorm. Außer den Mullakurumba haben die Adivasi nicht gelernt, mit Geld umzugehen. Die Löhne gibt es am Samstag. Davon werden die Schulden bezahlt, die verbleibenden Rupien werden am Sonntag fürs Kino ausgegeben, und am Montag gibt es nichts zu essen. Die Verbindung von Kino und den Einflüssen der indischen Gesellschaft hat dazu geführt, daß in vielen Bedürfnisse nach knallbuntem Kitsch, synthetischen Saris und dergleichen geweckt wurden. Die Preise dafür sind extrem hoch, oft werden die Menschen auch betrogen.

       Die sexuelle Freiheit der Adivasi wird von Nicht-Adivasi oft genutzt, um billig Spaß mit "leichten" Frauen zu haben. Die Armut der Adivasi wird ausgenutzt � Frauen werden so schnell zu Prostituierten. Viele junge Adivasi-Frauen sind jetzt alleinerziehende Mütter, die Väter der Kinder sind Kunden aus dem Kreis der Nicht-Adivasi. Junge Kattunaicken sind andererseits der Meinung, daß junge Adivasi-Paare oft stärker den Familienzusammenhalt suchen, weil sie von den Nicht-Adivasi mitbekommen, wie schlimm Scheidungen sein können.

       Die Bettakurumba wissen instinktiv [So ein Wort sollte man bei Menschen vermeiden; der Abtipper] über die wichtigsten Dinge des Lebens im Dschungel und über das Verhalten von Tieren � auch über den Menschen potentiell gefährdende Elefanten � Bescheid. Vellan und Veeran aus Kanjikolly sprechen über ihre Jugendjahre. Beide sind jetzt in ihren Siebzigern. Damals pflegten wir vor dem längeren Gang in den Wald drei Tage lang zu fasten und zu den Göttern zu beten. Nur wenn wir rein waren, konnten wir daran denken aufzubrechen. Wenn man am Glauben festhält, die Ahnen verehrt und den Göttern ihren Respekt zollt, kann nichts und niemand einem etwas anhaben. Wir sagen den Göttern Wir gehen in den Wald, um Nahrung zu finden. Bitte beschützt uns. Laßt nicht zu, daß wir Schaden nehmen. Nachdem wir puja (eine Reinigungszeremonie) durchgeführt haben, kommen uns im Wald selbst wilde Elefanten nicht zu nahe. Wir sitzen z. B. am Feuer, und sie gehen ihren eigenen Weg. Wir brauchen nicht wegzulaufen und uns zu verstecken. Wir können in Frieden schlafen. Am nächsten Morgen wachen wir auf und können im Wald weiter auf Nahrungssuche gehen.

       Ein subtilerer Einfluß der Nicht-Adivasi und der Übernahme des Adivasi-Landes durch Fremde ist, daß Adivasi und ihre Kultur, ihre Bräuche, ihre Sprache und ihre Kleidung von Nicht-Adivasi verachtet werden. Die befragten Frauen brachten dies gar nicht zum Ausdruck, da die meisten erschreckenderweise diesen Spott verinnerlicht haben. Es gibt unendlich viele Geschichten darüber, denn dieser Prozeß beginnt schon sehr früh. Die indischen LehrerInnen ändern einfach Adivasi-Namen: Was, Du heißt Kurinji?! Das ist doch kein richtiger Name. Du heißt jetzt Kamala. Viele Kinder der jetzigen Generation haben hinduistisch klingende Namen. Kinder werden verspottet, wenn sie ihren Dialekt sprechen. Einmal wurde eine kleine Paniya nach einem Monat von der Schule geschickt. Die Lehrerin sagte, sie sei taub. Da wurde uns klar, daß das Kind einfach nichts verstanden hatte. Die Lehrerin würde ja nicht einmal im Traum daran denken, Paniya zu sprechen.

       Eine junge Mullukurumba sagte einmal bei einer Pressekonferenz in Kerala, daß unsere Frauen lernen müssen, salonfähig zu sein. Sie wollte damit sagen, daß sie statt ihrer traditionellen Kleidung Saris tragen sollten. Das Mädchen hatte einen Universitätsabschluß und schämte sich zutiefst ihrer Kultur. Sie war sozusagen zur Tamilin geworden. Man hatte sie "zivilisiert" und ihr beigebracht, diese Botschaft ihren "rückständigen" Leuten zu sagen, damit sie sich entwickelten. Diese Botschaft wird durch das Kino noch unterstützt. JedeR möchte unbedingt "schick" aussehen, und den Maßstab dafür bilden die Filmstars.

       Die Ärztin Roopa Devadasan arbeitet seit 1987 mit Adivasi-Frauen und faßt das Ganze folgendermaßen zusammen: Überall verändert sich die Gesellschaft. Aber hier sieht es aus, als würden 100 Jahre innerhalb eines Jahres gelebt. Die Adivasi haben in einem urzeitlichen Zeitrahmen gelebt. Auf einmal sind alle Veränderungen unterworfen, die sie um Jahrhunderte nach vorn schleudern. Dabei gibt es immer Opfer. Die Veränderung ist nicht aufzuhalten. Die Adivasi können nicht in ihrem unberührten vorhistorischen Glanz konserviert werden. Die Veränderungen jedoch müssen unter ihren Bedingungen stattfinden. Wenn sie schon in die indische Gesellschaft integriert werden sollen, dann sollen sie ihren Stolz, ihre Würde und ihre Kultur dabei erhalten können.

       Auch die NGOs, die mit Adivasi arbeiten, müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sie "schädliche Einflüsse von außen" darstellen. Die Tendenz, sog. "unterentwickelte" Menschen zu bevormunden, hat eine lange Tradition in der "Entwicklungshilfe". Es kommt aber darauf an, die Menschen zu ermutigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und nicht, ihnen die Ziele vorzuschreiben.

       Sie müssen die Talente der Menschen nutzen, um sie zu ihren Bedingungen und in ihrem Rhythmus zu dem zu bringen, was sie selber wollen. Die Probleme der Adivasi in den Nilgiris gleichen nicht unbedingt denen der Adivasi in ganz Indien. Aber manche Probleme können schnell als allgemeine Probleme identifiziert werden. Alkoholabhängigkeit, Landnahme und Zwangsvertreibungen sind die größten Probleme. Sie haben alle eine besonders starke Auswirkung auf die Frauen.

       In Manipur haben Frauen Streifen gebildet, um Betrunkene vor der ganzen Stadt zur Schau zu stellen. Die Männer wurden ausgezogen, auf Esel geladen und darauf durch die Straßen geführt. Man sagt, daß das eine wirksame Abschreckungsmaßnahme gewesen sei. Man kann jedoch nicht einfach Lösungen übernehmen. Die Frauen müssen entscheiden, wann und wie sie handeln. Man konnte einmal von einer radikalen Frauengruppe lesen, die sich aufregte, weil die Adivasi-Frauen Ackerpflüge nicht berühren durften. Es ist allgemein bekannt, daß die Adivasi-Frauen den Hauptteil der landwirtschaftlichen Arbeit verrichten. Die einzige Möglichkeit, die Männer aus dem Wald zu locken, um ihren Teil der Arbeit zu tun, war, den Pflug für die Frauen mit einem Tabu zu belegen. Sollen wir uns aus Prinzip aufregen?

       Eines der größten Probleme für Gruppen, die gegen Landenteignung vorgehen, ist, eine gute Lösung für diesen Konflikt zu finden. Adivasi-Land war immer schon Gemeinschaftseigentum. Der Kampf gegen Landenteignung bedeutet, daß die Adivasi eine Eigentumsurkunde benötigen. Meistens wird diese Urkunde Männern gegeben. Die nächste Generation wird eine Machtverschiebung von der Gemeinschaft in die Hände der Adivasi-Männer erleben. Das kann für die Frauen nicht gut sein. Wie können wir dieses Problem auf gerechte Weise lösen?

       Einige sagen, daß es unmöglich sei, "gebildete", "ausgebildete" Adivasi zu finden. Dieses Argument ist trügerisch, unverschämt und arrogant. Letztlich bedeutet es, daß Adivasi sich nicht für ihre Gemeinschaft einsetzen können. Es gibt jedoch genügend ungebildete Adivasi-Führer, die mit einigen wenigen Anstößen sehr viel erreichen können. Nicht-Adivasi aus der Region sind oft gönnerhaft und wollen die dummen Adivasi "aufbauen". Sie schaden da durch mehr als sie nützen, weil sie die Meinung unterstützen, daß Adivasi "zivilisiert" werden müßten. Das hat die indische Gesellschaft immer schon verbreitet, um Adivasi-Kultur zu verunglimpfen.

       Die Adivasi-Frauen versucht man davon zu überzeugen, ihre traditionelle Kleidung abzulegen und dafür Saris zu tragen. Kleidung und Sprache, die letzten Bastionen einer aussterbenden Kultur, werden im allgemeinen von den Frauen so gut wie möglich verteidigt. Leider spricht man zwar viel über Adivasi-Kultur, aber es gibt nur wenige, die alle Probleme wirklich durchdenken. Und noch weniger tun etwas, das dieser aussterbenden Kultur wieder zu ein wenig mehr Leben verhelfen kann. Die Frauen beeinflussen ihre Kinder maßgeblich. Wenn weltweit wirtschaftliche Programme von Frauen umgesetzt werden und Erfolg versprechen, muß ein solches auch bei Wiederbelebungsversuchen der Adivasi-Kultur gelten.

       Viele der besprochenen Probleme rühren letztlich auch daher, daß Adivasi-Frauen aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen wurden, weil sie Platz machen müssen für einen Staudamm, ein Bergwerk oder ein Tierreservat. Es wäre eigentlich dringend notwendig, diese Umgebung wiederherzustellen. Der bekannte Ökologe Cecil Saldanha bemerkt jedoch, daß es der Gipfel der Anmaßung ist zu glauben, daß man einen zerstörten Wald wieder herstellen kann � man kann höchstens damit beginnen, ein paar Bäume zu pflanzen. Niemand kann den Adivasi die Umgebung wiedergeben, die ihnen entrissen wurde. Wir können jedoch einen Anfang machen. Wir können Unterstützung geben, in aller Bescheidenheit und indem wir immer im Hinterkopf behalten, daß echte Entwicklung nur stattfinden kann, wenn wir zulassen, daß sie durch die Talente der Adivasi an Kraft gewinnt.

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