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Die Landkampagne der Adivasi

Mari Marcel Thekaekara



  

 


Land war der entscheidenste Faktor im Leben der Gudalur-Adivasi. Wir erkannten dies in unserem ersten Jahr in den Nilgiris. Die fünf Stämme der niederen Nilgiri, dem Gudalur-Tal, das sind die Kattunaickans, Moolakurumba, Bettakurumbas, Irulas und Panniyas, hatten einst das ganze Gebiet nutzen können. Etwa vor 50 Jahren, bis in die frühen 50er Jahre, wurde das Gudalur-Tal für einen unwirtlichen, malariaverseuchten Dschungel gehalten. Wenige Menschen von außerhalb wagten sich hinein. Er war das Zuhause der Adivasis und einiger weniger Chetty. Aber niemand war gewohnt, das Land abzuzäunen. Die Adivasi waren frei, umherzuziehen, wo sie wollten, und ihre eigenen Flecken Land zu bebauen. Sie waren ein umgängliches Volk, vor allem JägerInnen und SammlerInnen.

       Die Stammesgeschichte wird weitergegeben durch mündliche Tradition, aber wenige Leutescheinen sich an irgend etwas vor dem System von Arbeitsverpflichtung zu erinnern. Vor Jahrhunderten, als die Adivasi von der modernen Zivilisation noch unberührt waren, wurden sie von den Chetty-Landbesitzern als Sklaven gejagt und gefangen. Im 19. Jh. wurde mit dem Gesetztesakt zur Abschaffung der Sklaverei die Sklaverei durch Leibeigenschaft abgelöst. Hierbei verdingten sich die Leute mit ihrer Arbeitskraft an einen Grundherrn für ein Jahr im Austausch gegen zwei Gewänder, zwei Mahlzeiten pro Tag und jeden Abend ein Maß ungedroschenen Reis. Es war eine strenge Bindung, die nicht aufgelöst werden konnte. Wenn ein Arbeitsverpflichteter davonlief, bevor das Jahr um war, konnte er gefangen, gewaltsam zurückgebracht und sogar durchgeprügelt werden.

       Das System begann sich in den 60er Jahren aufzulösen, unter dem Einfluß von Siedlern, die von Kerala eingewandert waren auf die Nilgiris. Die SiedlerInnen, vor allem ChristInnen, ortsüblich als "Chettans" bekannt, brauchten ArbeiterInnen. Sie lösten die Paniyas aus ihrer Abhängigkeit, indem sie ihre Schulden beglichen und ihnen bares Geld als Anreiz boten. Die Kontrolle der Chetty war damit gebrochen, und mehr und mehr Paniyas wurden Lohnempfänger. Zudem hatten die Arbeitsrichtlinien für Kerala von 1974 und der Gesetzesakt zur Regulierung der Agrarlöhne von 1975 ihre Auswirkungen auf die Grenzregionen von Tamil Nadu. In Erumadu und Ayankolly, Gegenden von Gudalur, die an Kerala grenzen, stiegen die Löhne. Und der marxistische Einfluß schuf ein Bewußtsein, das dem System der "bounded labour" das Rückgrat brach.

       Im Jahr 1986, als ACCORD entstand, war die Stimmung der jungen Leute derart, daß es ihnen langte. Sie mußten etwas tun, um das System zu ändern. Unsere jungen Adivasi Teams begannen Sangams oder Dorfkooperativen zu bilden, die zusammenkamen, um das Problem von abhanden gekommenem Stammesland zu besprechen. Langsam wuchs ihr Bewußtsein und sie gingen von Dorf zu Dorf und sprachen von Einheit und Stärke. Wenn sie nicht zusammen für ihre Rechte kämpften, würde nichts geschehen. Da begannen die Dinge sich langsam zu ändern. Der Umschlagpunkt war ein Vorfall im Jahr 1988, als ein örtlicher Grundherr, zugleich Lehrer an einer staatlichen Schule, einen Pfad durch das Grundeigentum von Chorian, einem Paniya, legte, wobei er wertvolle Kaffeesträucher zerstörte. P. Chati, ein junger Paniya-Anführer, und einige andere Adivasis eilten zu dem Ort und erhoben Protest. Die Polizei nahm den Fall auf und Chorian reichte einen Antrag auf eine Wiedergutmachung ein. Die Nachricht , daß die Paniyas sich der Macht eines Grundherrn widersetzt hatten, machte die Runde. Und die Auswirkungen dessen auf das Selbstwertgefühl der Adivasis war enorm.

       Aber was die Adivasis am meisten aufbrachte, war ein Vorfall in Mangode, einem Dorf nahe bei Murkampady im Ayankolly-Gebiet, 35 km von Gudalur. Ein alter Paniya, Purkan, besaß einen Acre von Reisanbauland und einen halben acre von Landaus Staatseigentum, das er in Besitz genommen hatte. Auf einem Teil davon hatte er eine Hütte gebaut und Kaffee und Pfeffer angepflanzt. Zwei oder drei Jahre zuvor hatte er den halben acre (das Land mit Hütte und Kaffeeanpflanzungen) an eine Person Mathai für 3500 Rupien verkauft, vorgebend, es sei das Reisanbauland. Dieser erhielt nur 3000 RupienRs dafür. Der Rest des Landes blieb brach liegen, und Purkan ging fort, um seine Kinder zu besuchen. Der Sangam von Koolal mit seinem geschärften Bewußtsein für Landfragen riet dem Schwiegersohn Purkans, Kuliyan, das Land in Besitz zu nehmen.

       Kuliyan und seine Familie ließen sich auf dem Land in einer Hütte nieder und begannen, das Land zu bepflanzen. Mathai erhob dagegen Einspruch und machte geltend, daß Kuliyan ein Land bepflanzte, das an ihn verkauft worden war. Beim Abmessen des Landes entdeckten die Paniyas, daß das Brachland in Wirklichkeit das Reisanbauland war und das kultivierte Land (mit Kaffee und Pfeffer) das in Besitz genommene Staatsland. Auf einer Versammlung zur Beilegung der Angelegenheit, sagte Mathai, er würde das Reisanbauland behalten und den kultivierten Anteil abgeben. Dementsprechend wechselten die Paniyas auf den kultivierten Anteil und bauten dort eine Hütte.

       Aber später tauchte ein hier ansässig gewordener Mann aus Sri Lanka auf und machte geltend, daß Mathai dieses Land an ihn verkauft hatte, und forderte, daß die Paniyas es räumten. Tags darauf, als Kuliyan bei der Arbeit war, kam der Mann aus Sri Lanka mit seiner Familie und nahm die Paniya-Hütte in Besitz. Die Paniyas, unterstützt durch den Sangam, reichten eine Beschwerde bei der Polizei ein. Der Unterinspektor kam und befahl beiden Parteien, sich von der Hütte fernzuhalten, bis der Streit gelöst wäre. Das Land sei in Besitz genommenes Staatsland und Kuliyan habe keine Dokumente, seinen Anspruch zu beweisen. Nichtsdestoweniger vertrat eine örtliche Moolakurumba-Organisation, der Adivasi Kurumba Flainger Mennetra Sangam (AKIMS), den Fall des Paniyas vor dem Steuerbezirksbeamten und dem Tahsildar. Der Tahsildar teilte seinen Anführern mit, daß sie, falls sie den Besitz des Landes durch die angebauten Feldfrüchte beweisen könnten, sie das Land übernehmen könnten. Der Sangam unterstützte Kuliyan dabei, sein Landstück mit der Hütte wieder in Besitz zu nehmen. Auch bezeugten Non-Adivasi aus der Nachbarschaft, daß der Kaffee und Pfeffer von Kurkan gepflanzt worden war.

       A-46A; Photo: ?Aber am 17. Oktober kam der Dorfverwaltungsbeamte zusammen mit dem Sri Lankanesen zur Hütte. Die Paniyas aßen gerade zu Mittag. Ohne darauf zu warten, daß sie ihr Essen beendet hatten, befahl ihnen der Beamte hinauszugehen und begann, die Hütte niederzureißen. Die Flammen des Lehmofens loderten auf und binnen weniger Minutenstand die Hütte in Flammen.

       Ein Paniya lief nach Erumadu und gab die Nachricht an den AKIMS weiter. Binnen kurzem hatten sich etwa 300 ärgerliche Moolakurumba und Paniyas bei Mangode versammelt. Der Dorfbeamte und der Sri Lankanese waren fort und die Hütte war zerstört. Die Adivasi marschierten unverzüglich in die fünf km entfernt liegende Stadt Ayankolly. Die Anwohner waren völlig verblüfft. Der Dorfbeamte schloß sein Büro und lief davon. Die Demonstrierenden versammelten sich vor dem Büro. Das Banner der Revolte war gehißt. Die Stammesführer gingen später nach Gudalur und sandten Telegramme an den Kollektor, den Steuerbezirksbeamten, den Tahsildar und auch an die Leiterin und Sonderbeauftragte für die Wohlfahrt der Adivasi in Madras.

       Dies zeitigte sofortige Wirkung. Shanti Deva Dasan, die Sonderbeauftragte, sandte eine Nachricht an den Kollektor und den Polizeipräsidenten von Ooty mit der Bitte, unverzüglich eine Untersuchung durchzuführen und einen Bericht an sie zu senden. Sie besuchte auch Ayankolly und traf sich mit Zeugen des Vorfalls. Der Dorfbeamte und der Steuerinspektor hatten in der Nacht versucht, so wurde berichtet, den Vorfall zu vertuschen, in dem sie die Überbleibsel der Hütte wegräumten. Die Sonderbeauftragte kehrte nach Ooty zurück mit einem Bericht über den Dorfbeamten. Er wurde wegen Brandstiftung belangt.

       Die darauf folgenden Ereignisse kamen zu ihrem Höhepunkt in der Formulierung der Förderung der Adivasi, ihr angestammtes Recht wiederherzustellen: Land für jeden erwachsenen Adivasi. Sogar alte Menschen schlossen sich den jungen in ihrem Kampf an. Diese Botschaft breitete sich wie ein Steppenbrand aus. Die Adivasi konnten nicht mehr länger hintergangen werden. Sie wurden zurückgeschlagen. Sie LandrechtBewegung hatte begonnen.

       Die AMS (Adivasi Munnetra Sangam) wurde gebildet, um für Stammesrechte zu kämpfen und um die 25.000 Adivasis im Tal zu vertreten. Ein Memorandum wurde verfaßt, in dem die Gefühle der Menschen ausgedrückt und ihre Forderungen verlautbart wurden. Es stellte die Probleme dar und schlug gangbare Lösungen vor. Es wurde an den Gouverneur gesandt. Darauf kam keine Antwort.

       Die AMS beschloß, daß sie sich machtvoller darstellen sollte. Deshalb entschied sie sich dazu, eine Demonstration zu veranstalten, um ihre Probleme öffentlich zu machen und die Regierung zum Handeln zu zwingen. Am 5. Dezember 1988 war das Datum des Protestes gekommen. Es wurden ein paar hundert, höchstens tausend Menschen erwartet. Aber plötzlich begannen von überall her Leute herbeizuströmen: Tausende und Tausende Männer, Frauern und Kinder alte Menschen und Babys. Sie alle kamen nach Gudalur, uman dem Protest für ihre Rechte teilzunehmen. Wir waren mehr als erstaunt über ihre Anzahl, niemand hatte jemals so etwas zuvor in Gudalur gesehen.

       Die Demonstration hatte eine große Wirkung auf die Regierung, denn sie wurde in einer wichtigen Zeitschrift publik gemacht, die sowohl in Delhi (der Hauptstadt), wie auch in Madras (der Landeshauptstadt) gelesen wurde.

       Kurze Zeit darauf erschien eine Regierungsdelegation in Gudalur, die die Aufgabe hatte, dieSituation der Adivasis zu untersuchen. Diese Delegation erstattete Bericht, daß die Beschwerden der Adivasi legitim seien und daß sie seit Generationen ausgebeutet und betrogen worden seien. Sie bestimmte, daß jeder Adivasifamilie zwei Acre Land von derRegierung zur Verfügung gestellt werden müssen. Wie bei allen Regierungsversprechungenvergingen Jahre, ohne daß etwas geschah.

       Aber mit etwas Aufsehen hatten Gruppen von Adivasi im ganzen Gebiet ihre Rechte immer wieder eingefordert, das Land ihrer Vorfahren für sich beansprucht und bepflanzt. An vielen Orten mußten sie für ihr Land kämpfen, gewaltsamer Ausrottung und Regierungsopposition widerstehen. Aber auf der anderen Seite wurde ihnen auch überall Sympathie entgegengebracht. Und Regierungsleute und das Forest Department [...] wissen, daß diese Menschen ruhig und friedvoll sind und daß nur eine stille Verzweiflung sie dazu gebracht hatte, die Konfrontation mit den Behörden zu suchen.

       Als Teil des Landaufbauprogramms stand ACCORD den Adivasi helfend zur Seite, Tee, Kaffee, Pfeffer und Ingwer anzubauen. Dies sind gängige Agrarprodukte, Teil der lokalenWirtschaft. Dies hat ihre Stellung von ungelernten Arbeitern zu Bauen gewandelt. Sie haben nun Wirtschaftskraft. Als Teil der Strategie, das Selbstbild und vertrauen der Adivasi zu verbessern, hat ACCORD beschlossen, einige lebenswichtige Institutionen für Gesundheit und Bildung aufzubauen. Die Adivasi überall sind sehr stolz auf die Tatsache, daß sie das Gudalur-Adivasi-Hospitals leiten und bald eine eigene Schule haben werden.

       So wird es für die Adivasi in Gudalur kein Zurückdrehen der Uhren geben. Sie sind einen weiten Weg gegangen von der Situation vor zehn Jahren an, als sie durch die Städte schlichen, verängstigt und sich in Ecken kauerten. Sie beginnen, Stolz auf ihre Kultur zu entwickeln, darauf, wer sie sind. Es ist gut zu sehen, daß sich die Zeiten ändern.
 





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