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Der Erfahrungsbericht der ersten Adivasi-Gruppe
über ihre Reise nach Deutschland zum Deutschen Evangelischen Kirchentag
1997 in Leipzig.
Leseprobe
"Mit den Adivasi zum Kirchentag fahren und sie vor
großem Publikum sprechen zu lassen - welch wunderbare Idee! Aber da
waren so viele "abers". Bekämen sie nicht einen enormen Kulturschock?
Wie würden sie sich an Deutschland gewöhnen? Wie würden sie mit der
völlig neuen Umgebung zurechtkommen? Welche sechs Menschen sollten für
20.000 Adivasi sprechen? Konnten wir die enormen Kosten dafür
rechtfertigen? Was könnte passieren, wenn sie von dem hypermodernen
Deutschland wieder in ihre Dorfhütten ohne Wasser und Strom
zurückkehren? [...]
Voller Begeisterung wurde alles
vorbereitet. Zunächst hatte außer Stan niemand einen Reisepass. Allein
die Passbeantragung bedeutet für Menschen aus Gudalur einen enormen
Aufwand. Die Aufregung und Anspannung hielt an, bis sie ins Flugzeug
stiegen. [...]
2.30 Uhr: Swissair Flug 171 irgendwo über Pakistan,
Außer mir schlafen alle fest. Es ist unser zweiter Flug und wir haben
keine Angst mehr. Das fühlt sich so an wie: Alles schon mal dagewesen.
Wir hatten ein Mitternachtsmahl hier im Flugzeug. Es war sehr gut,
besonders die süßen Sachen und der Kaffee. Bomman hat Bier getrunken.
Sie haben alle Kopfhörer auf und nur Gott weiß, was sie da gerade
hören. Sie haben einen riesigen Spaß an allem. Wir waren so
erleichtert, als wir ohne Probleme durch den Zoll kamen. Mal davon
abgesehen, dass die Sicherheitsbeamten wenig geneigt waren, uns mit
Pfeil und Bogen passieren zu lassen, die wir für unsere Ausstellung
brauchen. [...]
Flughafen Zürich:
Der Flughafen ist wunderschön. Die Blumen erinnern uns ebenfalls an
Ooty. Unsere Jungs bewegen sich, als seien sie hier geboren. Sie sind
bestimmt schon 5-6 Mal mit der Rolltreppe gefahren. Chathi wäre dabei
beinahe hingefallen. [...] Dieser Flug ist nicht voll, also können
Manikandan und Gangadharan auch am Fenster sitzen. Wir bekommen noch
einmal Ärger. Dieses Mal jagen sie Pfeil und Bogen gleich zweimal durch
die Sicherheitskontrolle und untersuchen sie genauestens. Nach einiger
Diskussion dürfen wir sie aber dann doch mitnehmen.
Ich habe vergessen zu erwähnen,
dass ich gestern zum ersten Mal Radhakrishnan in einer Hose gesehen
habe. Er hat auch zum ersten Mal in seinem Leben eine Hose an,
normalerweise trägt er einen dhothi (Hüftwickeltuch). Ich finde es
seltsam, ihn so zu sehen. Jetzt sieht er kleiner aus.[...]
Meike und Christiane haben uns mit
einem VW-Bus und einem Auto vom Flughafen abgeholt. Die Fahrt nach
Heidelberg hat mir Angst eingejagt, obwohl ich vorher wusste, was da
auf uns zukommen würde. Die Geschwindigkeit von 140 km/h war schon
schlimm genug, aber dann noch auf der falschen Straßenseite - das war
einfach zuviel![...]
Die Autobahn führte durch viele
Wälder. Gangadharan fragte Stan, was diese Schilder am Straßenrand mit
dem Hirsch darauf bedeuteten. Stan erklärte, dass sich in den Wäldern
Hirsche befänden, die manchmal auf die Straße liefen. Die Schilder
sollten die AutofahrerInnen davor warnen. Alle waren angesichts der
Vorstellung schockiert, dass plötzlich ein Hirsch auf die Autobahn
preschte, wo dort doch so viele Autos mit einer enormen Geschwindigkeit
vorbeirasten.
"Was passiert denn, wenn jemand
einen Hirsch anfährt?" fragten sie sich. Christiane erklärte ihnen,
dass das zu schlimmen Unfällen führt. Da sagte Manikandan: "Stellt euch
vor, ein Elefant liefe auf die Straße!" Alle lachten, weil sie es für
einen guten Witz hielten. Stan erklärte den begleitenden Deutschen
jedoch, dass Manikandan es ernst gemeint hatte, da in Gudalur durchaus
Elefanten auf der Straße herumlaufen. Anna, eine deutsche Studentin,
konnte das einfach nicht glauben. Da die Adivasi ihre Ungläubigkeit
nicht nachvollziehen konnten, erklärte ihnen Stan, dass es in
Deutschland Elefanten nur im Zoo gebe und dass sich deswegen niemand
hier Elefanten auf der Straße vorstellen könne! Das konnten wiederum
die Adivasi nicht glauben. Sie konnten sich einen Wald ohne Elefanten
nicht vorstellen und waren davon überzeugt, dass Stan sie bloß
aufziehen wollte. Nach einer langen Diskussion ..."
Wie werden die Adivasi mit dem Leben in Europa zurechtkommen? Werden
sie einen schweren Schock erleiden oder nie wieder nach Hause zurück
wollen? Erleben Sie, wie "cool" die Adivasi ihr Abenteuer Deutschland
meistern und wie ihr Blick von außen auch uns neue Einblicke schenken
kann ...
Sie erhalten Ihr Exemplar im Buchhandel, der direkt beim Verlag und
nicht über den Großhandel bestellt, unter den folgenden Daten:
Autor: Thekaekara, Mari Marcel
Titel: Das doppelte Auge
ISBN: 3-89687-051-3
Verlag: Laufersweiler
Jahr: 2001
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