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Zu Gast in der Vidyodaya-School

Olaf Diekwisch



  



Im Herbst 1999 hatte ich dank eines Stipendiums der ASA (Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Asien, Lateinamerika) die Gelegenheit, drei Monate in Gudalur zu verbringen. Während dieser Zeit hospitierte ich an der Vidyodaya - School, der Adivasi - Schule des Nilgiri Distriktes. Diese Einrichtung ist in vielerlei Hinsicht etwas besonderes. Die Hälfte der 75 SchülerInnen werden in einem kleinen Schulhaus unterrichtet. Die andere Hälfte findet in einer Schulhalle Platz, die architektonisch einem Versammlungshaus der Adivasi gleicht. Letzteres hat mehrere Vorzüge, denn zum einen schützt es während der Regenzeit vor Wind und Nässe. Im Sommer dagegen ist es in der Halle durch die offene Bauweise angenehm kühl. Von diesem Ort hat man einen wunderschönen Blick auf Wiesen und Wälder und auf die Berge des Nilgiris. In den Klassen findet man nicht mehr als 10-15 SchülerInnen. Der Unterricht beziehungsweise die Betreuung für zwei geistig retardierte Kinder wird durch eine speziell ausgebildete Lehrerin gewährleistet. In einer Atmosphäre von Herzlichkeit und Freiheit wird den Kindern die Möglichkeit gegeben, ihre besonderen Fähigkeiten zu entwickeln und ihre natürliche Neugier zu befriedigen. Die Schule ist als Lebensraum der Kinder und LehrerInnen zu verstehen, in dem ein demokratisch gewähltes Schüler-Parlament Einfluss auf Entscheidungen nimmt. Dies ist für indische Verhältnisse ein äußerst ungewöhnlicher Schulansatz und auch hierzulande wäre die Schule eine Besonderheit, die einen Besuch lohnt.

Wie die Schule entstand

Noch vor sechs Jahren gab es für die Adivasi-Kinder im Gudalur-Tal lediglich die Möglichkeit eine staatliche Schule zu besuchen. Diese sogenannten Goverment-Tribal-Schools, sollten vornehmlich Adivasi unterrichten. Die Realität zeigte jedoch, dass höchstens 10-15% der Kinder aus Adivasi-Familien stammte. Die LehrerInnen waren allesamt keine Tribals und machten sich über die Sprache und Namen der Adivasi lustig. Sie gaben ihnen in ihren Augen "vernünftige" Namen, womit sie den Kindern einen wichtigen Teil ihrer Identität raubten. Zudem war die alleinige Unterrichtssprache Tamil (die im Bundesstaat Tamil Nadu offizielle Landessprache), welche von vielen Adivasi nicht gesprochen und verstanden wird. Das Essen, welches staatlicherseits für die Schulen vorgesehen war, wurde in einigen Fällen von den Leitern der Schulen weiterverkauft, um sich daran zu bereichern. Die LehrerInnen erschienen nicht regelmäßig zum Unterricht, so dass teilweise nur zwei Personen für 200 Kinder zuständig waren. Demzufolge fand auch kein Unterricht statt. Diese und weitere Missstände veranlassten ACCORD, seine eigenen Mitarbeiter in die Schulen zu schicken, um zwischen Tribals und Non-Tribals zu vermitteln. Es gab zwar Erfolge zu verbuchen, aber die Gesamtsituation war immer noch desolat. Auf einem großen Treffen des AMS ( Adivasi Munetra Sangram), der Selbstverwaltungsorganisation der Adivasi, wurde beschlossen eine eigene Schule zu gründen. Diese sollte von jungen Adivasi betrieben werden und den Kindern die Möglichkeit schaffen in einer Atmosphäre der Freiheit lernen und leben zu können. 1996 begann die Schule mit 40 Adivasikindern. Heute betreut sie 75 Kinder, die von Tribal- und Non-Tribal-LehrerInnen unterrichtet werden. Außerdem versteht sich die Vidyodaya-School als Bildungszentrum, in dem LehrerInnen und SchulmanagerInnen ausgebildet werden, die durch ihre Qualifikationen in der Lage sind, selbst Schulen aufzubauen und zu leiten. Denn das langfristige Ziel von ACCORD ist es, sich selbst überflüssig zu machen. Nur auf diese Weise kann auf Dauer eine Unabhängigkeit der Adivasi von anderen Organisationen geschaffen werden.

Mein Besuch in der Vidyodaya-School

Der Schultag beginnt um 9:00 Uhr mit der "Prayer-Lesson". Diese Stunde, an denen alle SchülerInnen teilnehmen, habe ich als Mischung aus Religions-, Politik- und Sozialwissenschaftsstunde erlebt. Zu allen religiösen Festtagen - seien es nun Adivasi-, hinduistische, moslemische oder christliche - werden Lieder gesungen und Zeremonien durchgeführt. Auf diese Weise soll ein Verständnis anderer religiöser Gruppierungen innerhalb der indischen und letztendlich auch der Weltgesellschaft gefördert werden. Aktuelles aus dem In- und Ausland wird aufgegriffen und den Schülern vermittelt. Auch schulinterne Angelegenheiten, wie der unerklärliche Verlust eines Fußballs oder die Gestaltung des nächsten Schulfestes sind fester Bestandteil. In den folgenden Unterrichtsstunden des Vormittages werden Grundfächer wie Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und Sprachen gelehrt. Die LehrerInnen bemühen sich an vielen Stellen die Kultur der Adivasi zu erhalten. Dies geschieht unter anderem durch den Gebrauch der Sprachen und Dialekte der Adivasi. Die Vorschulkinder arbeiten zu diesem Zweck mit eigens konzipierten Fibeln, die in den eigenen Stammessprachen abgefasst sind und in denen die Kultur der Adivasi lebendig ist. Es werden Veranstaltungen für die SchülerInnen der einzelnen Stämme angeboten, in denen die alten Frauen und Männer den Kindern überlieferte Geschichten und frühere Ereignisse erzählen. An diesen Nachmittagen sitzen die Kinder im Schneidersitz um die Alten herum und lauschen neugierig ihren Erzählungen. Nach einer Mittagspause, in der die Kinder und LehrerInnen sich gemeinsam im Schatten der Mangobäume stärken, findet ein berufsvorbereitender Unterricht statt. Die handwerklichen Fähigkeiten werden im Rahmen von Werk-, Textil-, und Kunstunterricht gefördert. Auch hierbei spielt die Pflege der Adivasi -Kultur eine Rolle, indem Alltagsgegenstände oder Kunsthandwerk der Tribals in den Unterricht einfließen. Die älteren Kinder sind am Nachmittag in umliegenden Betrieben und Büros. So haben sie die Gelegenheit Berufe näher kennen zu lernen, die für sie später einmal in Frage kommen könnten. Über ihre Tätigkeiten führen sie Protokoll und stellen diese ihren MitschülerInnen vor.

       Zum Schulleben gehören auch Feste und Gedenkfeiern, beispielsweise zum Geburtstag von Mahatma Ghandi. Zu diesem Anlass waren alle Kinder eifrig bemüht, die Schulhalle und den Garten auf Hochglanz zu bringen. Wie es bei den Adivasi Tradition ist, wurde der Hallenboden aus einer Mischung von Lehm, Wasser und kleingeklopften Termitenhaufen neu gestaltet und anschließend mit farbigem Sand dekoriert. Hierbei halfen alle mit. Zur Feier waren auch die Eltern und Freunde eingeladen und nach einem von den SchülerInnen gestaltetem Vormittag wurden alle Gäste mit einem selbst gekochtem Essen verwöhnt.

       Rama Sastri und ihr Ehemann B. Ramdas, die die Schule seit ihrem Bestehen leiten haben den Anspruch, den Kindern der Adivasi eine feste Wertgrundlage mitzugeben. Sie sollen Ehrfurcht gegenüber sich selbst und der ganzen Menschheit entwickeln, Ehrfurcht gegenüber der Umwelt entwickeln sowie über das Weltliche hinausgehen und nach höheren Idealen streben (vgl. Ansätze 1/99). Wer wie ich die Möglichkeit hatte, einige Wochen ein Bestandteil des Schullebens zu sein weiß, dass die Schule diesem Anspruch gerecht wird.





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