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Adivasi – Die UreinwohnerInnen Indiens
von Petra Bursee (Adivasi-Tee-Projekt)
Teepflückerin
Infobörse

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Adivasi sind die indigene Bevölkerung Indiens. Das Hindi-Wort "adivasi" kommt aus dem Sanskrit und bedeutet »die ersten oder ursprünglichen SiedlerInnen«. Die Adivasi sind eine Minderheit. Sie machen etwa 8,2% (2001) der über eine Milliarde Menschen zählenden indischen Bevölkerung aus – das sind immerhin über 84 Millionen Adivasi.

Die Adivasi sind keine homogene Gruppe; sondern es gibt eine Vielzahl ethnischer Gruppen von ganz unterschiedlicher Größe. Eine mehrjährige ethnologische Forschung ermittelte 1992 etwa 500 Adivasi-Gemeinschaften von sehr wenigen Mitgliedern bis zu mehreren Millionen Angehörigen. Auch in ihrer Kultur und Lebensweise sind die Adivasi unterschiedlich. Dennoch gibt es zwischen ihnen Gemeinsamkeiten, mit denen sie sich von den Nicht-Adivasi unterscheiden. Durch ihre relative Isolation über Jahrhunderte konnten viele ihren traditionellen Lebensstil bewahren. Aber immer gab es auch kommerzielle, politische und kulturelle Kontakte mit Nicht-Adivasi. Manchmal würde es Außenstehenden sicher schwer fallen, Adivasi von ihren hinduistischen Nachbarn zu unterscheiden.

Lebensraum der Adivasi

Etwa die Hälfte der Adivasi bewohnt das zentralindische Wald- und Bergland zwischen den Bundesländern Gujarat im Westen und Westbengalen im Osten, weshalb dieses Gebiet auch der „Stammesgürtel“ Indiens genannt wird. In den Unionsstaaten Nordostindiens haben die Adivasi den größten Anteil an der Bevölkerung. In Mizoram z.B. sind fast 95% der Bevölkerung Adivasi. Im übrigen Indien bilden die Adi-vasi eine Minderheit, wenn auch eine z.T. sehr starke. Fast alle Adivasi leben auf dem Land, v.a. in natürlich isolierten Wald- und Bergregionen. Nur etwa 6% der Adivasi leben in Städten, wohin sie auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen migriert sind. Es gibt reine, meist abgelegene Adivasi-Dörfer und Dörfer, in denen Adivasi und Nicht-Adivasi in Nachbarschaft leben.

Lebensgrundlage der Adivasi

In sehr isolierten Regionen leben Adivasi traditionell als Jäger und Bergbauern. Aber die meisten Adivasi leben durch die Zerstörung des Waldes, durch Landverlust und Vertreibung heute als Kleinbauern oder LandarbeiterInnen von der Landwirtschaft – und jagen und sammeln nur gelegentlich. Andere Adivasi arbeiten als HandwerkerInnen und KünstlerInnen. Und wieder andere sind Industriearbeiter; manche üben moderne Berufe in den Städten aus. Der Wald hat für die Adivasi eine hohe Bedeutung für alle Lebensbereiche – als Lebensraum und Le-bensgrundlage. Er ist traditionell im Gemeinschaftsbesitz und bietet Nahrung, Viehfutter, Unterkunft, Brenn- und Bauholz und durch den Verkauf von Holz, Honig, Gewürzen, Früchten etc. auch Einkommen. In den Traditionen der Adivasi wird der Wald religiös verehrt.

Lebenssituation der Adivasi

Rechtliche Situation der Adivasi

Mit der Unabhängigkeit 1947 sollte ein demokratisches Indien entstehen für Gerechtigkeit, Freiheit und Chancengleichheit. In der Verfassung sind die Bürgerrechte garantiert, ist Diskriminierung verboten und wird eine staatliche Politik zum Wohle der Allgemeinheit vorgeschrieben. Minderheiten haben das Recht, ihre eigene Kultur zu bewahren. Die Lebenssituation der Adivasi sollte verbessert werden. Dafür wurden Gesetze, Bestimmungen und Programme geschaffen – von Schutzgesetzen und Quotenregelungen über Entwicklungsprojekte bis hin zu einigen halbautonomen Adivasi-Gebieten. Doch noch immer sind die Adivasi benachteiligt. Ihre Lebensbedingungen änderten sich trotz einiger Verbesserungen nicht grundlegend.

Verlust der Lebensgrundlage

Mit der zunehmenden Zerstörung der Wälder und der Vertreibung der Adivasi aus industriell genutzten oder zu Schutzgebieten erklärten Wäldern verloren viele Adivasi ihre traditionelle Lebensgrundlage. Um Feuerholz und Früchte zu sammeln, müssen sie immer größere Entfernungen zurücklegen. Für diesen vermeintlichen Schaden am Wald können sie auch bestraft werden – während der illegale Holzeinschlag das wirkliche Problem darstellt. Die Nahrungsvielfalt mit Waldprodukten und Wildtieren wird immer geringer und das Wissen um traditionelle Heilkräuter geht zunehmend verloren. Ohne das Gemeinschaftseigentum Wald sind das Sozialgefüge und die überlieferten Traditionen der Adivasi gefährdet. Überwiegend leben die Adivasi heute von der Landwirtschaft. Aber eigene Felder haben nur wenige, und diese häufig auf schlechtem Boden. Ihr gesetzlich geschütztes Land verlieren sie oft durch Betrug und Verschuldung an Nicht-Adivasi – und an den indischen Staat. Im Interesse des „Gemeinwohls“ werden die Adivasi von ihrem Land vertrieben: für Industrieprojekte, Siedlungen, Bergbau, Staudämme oder Plantagen. Entschädigung erfolgt nur selten und wenn, ist sie völlig unzureichend. Ohne Land und Lebensgrundlage werden die Adivasi Landarbeiter auf fremdem Boden, Tagelöhner oder sie migrieren auf der Suche nach Arbeit in die Städte, wo sie jedoch selten bessere Lebensbedingungen finden und den Rückhalt ihrer Traditionen häufig ganz verlieren.

Mangelnde Bildung

Ohne Bildung haben Adivasi keinen Zugang zu besseren Arbeitsplätzen oder zu den Industrien, denen sie weichen mussten. 60% der Adivasi-Männer und 80% der Frauen sind AnalphabetInnen. In den abgelegenen Adivasi-Dörfern gibt es kaum Schulen oder nur unregelmäßigen Unterricht. Unterrichtet wird in der den Adivasi-Kindern meist unbekannten Landessprache, was sich auf ihre Ergebnisse auswirkt. Die Adivasi-Kulturen werden in den Lehrplänen nicht berücksichtigt und die Adivasi-Kinder so von ihren Traditionen entfremdet. Ohne Bildung können die Adivasi leicht ausgebeutet werden: Ihnen wird nicht der gesetzliche Mindestlohn gezahlt; sie bekommen zu wenig für den Verkauf ihrer Produkte; zahlen zuviel; werden in Verträgen betrogen und verlieren ihr Land.

Armut und Schuldknechtschaft

Etwa acht von zehn Adivasi leben unter der offiziellen Armutsgrenze Indiens. Als Kleinbauern, Landlose und Tagelöhner, denen selten der gesetzliche Mindestlohn gezahlt wird, leben sie von der Hand in den Mund. Verschuldung bei Grundbesitzern und Geldverleihern ist unter den Adivasi-Familien weit verbreitet – viele wurden durch horrende, z.T. dreistellige Zinsforderungen in die Schuldknechtschaft getrieben. Manchmal sind Kinder verschuldeter Eltern schon von klein auf als Dienstmädchen oder Hirten dem Gläubiger verpflichtet. Obwohl immer wieder Adivasi durch staatliche Kredittilgung aus ihrer Schuldknechtschaft befreit wurden, leben nach wie vor ungezählte Männer, Frauen und Kinder in dieser Zwangsarbeit, denn an ihrer Armut hat sich nichts geändert.

Schlechte Gesundheit

Der Gesundheitszustand der Adivasi ist vergleichsweise schlecht. Sie leiden unter den „Krankheiten der Armut“ wie Magen-Darm-Infektionen oder Tuberkulose, die auf schweren Mangelerscheinungen beruhen und unter unhygienischen Lebensbedingungen und schlechten Wohnverhältnissen besonders gut gedeihen. Mit ausreichender Ernährung, sauberem Trinkwasser und besseren sanitären Verhältnissen könnten drei Viertel dieser Krankheiten vermieden werden. Die ländliche öffentliche Gesundheitsversorgung ist v.a. in Adivasi-Gebieten unzureichend; private Behandlung können sich die meisten Adivasi nicht leisten. Zudem hat Schulmedizin bei vielen ein geringes Ansehen, doch infolge der Waldzerstörung bricht die traditionelle Kräuterheilkunde zusammen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Um die Lebenssituation der Adivasi nachhaltig zu verbessern, werden Gesetze und Regelungen verabschiedet sowie nationale und internationale Entwicklungsprojekte durchgeführt. Häufig müssen sie je-doch noch besser geplant und umgesetzt werden – mit den Adivasi gemeinsam. Überall in Indien beginnen die Adivasi, sich für ihre Rechte einzusetzen, häufig mit der Unterstützung in- und ausländischer Nichtregierungsorganisationen. Adivasi demonstrieren für den Schutz des Waldes und ihre Rechte, kämpfen um Bildung, Landbesitz und Arbeit, machen auf Amtsmissbrauch und Korruption aufmerksam, vermitteln ihre Traditionen den Jüngeren, starten Selbsthilfegruppen und organisieren sich in regionalen, nationalen und sogar internationalen Netzwerken.


Download als pdf: Petra Bursee _Adivasi.pdf

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