Eine neue
Wirtschaftsform für das neue Jahrtausend?
Stan Thekaekara
Bomman ist ein Adivasi aus der
Gemeinschaft der Bettakurumba. Er lebt in den Nilgiri- Bergen in
Südindien und ist ein Kleinbauer, der hauptsächlich Tee
anbaut. Er verkauft seine Teeblätter an eine private Teefabrik und
bekommt dafür im Durchschnitt 10 Rupien (umgerechnet knapp 50 Pf)
pro Kilogramm. Aus vier Kilogramm frischer Teeblätter stellt man
für etwa 7 Rupien ein Kilo aufgußfertigen Tee her. Das
bedeutet, daß man für ein Kilo marktfähigen Tees
ungefähr 47 Rupien investieren muß. Auf dem indischen Markt
variiert der Kilopreis dafür zwischen 75 und 100 Rupien. In
Deutschland kostet der gleiche Tee zwischen 400 und 800 Rupien pro Kilo.
Bomman lernt den fairen Handel kennen und
versteht, wie ungerecht der bis heute anhaltende Kolonialmarkt ist.
Daher vereinbaren er und alle anderen Adivasi aus der Gegend, daß
sie ihren Tee an eine faire Handelsgesellschaft verkaufen und auf diese
Weise 15% mehr für ihre frischen Teeblätter bekommen.
Birga ist eine junge Arbeitslose in
Deutschland. Trotzdem hat sie sich der Idee des fairen Handels
verschrieben. Auch wenn es ihr manchmal schwerfällt, sieht sie
immer zu, daß sie ausschließlich den fair gehandelten Tee
aus den Nilgiri-Bergen kauft. Im Vergleich zu Bomman mag sie ja
ziemlich wohlhabend sein, in Deutschland jedoch gehört sie zu
denjenigen, die wirtschaft-lich benachteiligt sind. Trotzdem ist sie
bereit, zusätzliche 15% für den fair gehandelten Tee zu
zahlen.
Nun wird Bomman zu einem Seminar nach
Deutschland eingeladen und zufällig trifft er Birga. Er kann kaum
glauben, daß ein arbeitsloser Mensch 15% mehr für seinen Tee
zahlt, damit er selbst ein besseres Einkommen erzielt. Er ist sehr
gerührt, aber gleichzeitig auch empört. Das ist nicht fair,
ruft er aus. Genau wie ich kämpft sie, um zu leben. Warum sollten
Menschen wie sie, die unsere Freundinnen und Freunde sind, mehr
für unseren Tee bezahlen? Eigentlich sollten sie unseren
allerbesten Tee zu einem günstigeren Preis bekommen, sagt er.
Mit dieser einfachen Aussage hat Bomman
den Kern getroffen: Die globale Wirtschaft ist so ungerecht, daß
sie weder menschliche Beziehungen noch menschliche Werte anerkennt. Es
gelten ausschließlich Marktwerte und die Marktwirtschaft. Alles
wird ausschließlich vom Profit bestimmt.
In der derzeitigen kapitalistischen
Marktwirtschaft manipulieren und kon-trollieren diejenigen mit Kapital
sowohl Hersteller als auch Verbraucher. Sie bestimmen, welchen Preis
Bomman für den Tee bekommt und was Birga dafür zahlen soll.
Diese Menschen werden sehr schnell sagen, daß das nicht stimmt,
daß nicht sie bestimmen, son-dern die Marktkräfte. Aber was
sind denn diese Marktkräfte? Es ist inzwischen allgemein
anerkannt, daß Wettbewerb einer der größten
Marktkräfte ist. Jedoch: Wettbewerb zwischen wem? Doch wohl
lediglich zwischen denjenigen, die Kapital haben. Birga und Bomman
hingegen sind nichts mehr als Zufallsfaktoren in dieser Art von
Marktwirtschaft.
Ist diese Situation nicht zu ändern,
wie manche meinen? Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen
Wirtschaftsform beginnen immer mehr Menschen, das zu denken. Vielleicht
muß das alles aber nicht so sein. Dieser Beitrag, der eine
Wirtschaftsweise auf der Grundlage von Direktbeziehungen zwischen
Herstellern und Verbrauchern vorschlägt, ist ein Versuch, ein Loch
in den Monolith der kapitalistischen Marktwirtschaft zu schlagen.
Wie soll das denn funktionieren? Gehen
wir doch noch einmal zum Beispiel von Bommans Tee zurück. Wenn
Bomman seinen Tee im derzeitigen Marktsystem verkauft, verliert er
seine Eigentumsrechte daran, sobald er Geld bekommt - selbst wenn er an
eine Organi- sation des fairen Handels verkauft. Er hat keine Kontrolle
darüber, was mit seinem Tee geschieht, zu welchem Preis er
verkauft wird usw. Am anderen Ende dieses Markte geht Birga in ein
Geschäft - und sei es ein Weltladen - und kauft ein Päckchen
Tee. Dabei verliert sie augenblicklich ihre Eigentumsrechte an ihrem
Geld. Im Endergebnis haben Bomman als Produzent und Birga als
Verbraucherin keine direkte Kontrolle über den gesamten
Prozeß, und das, obwohl sie hier die wichtigsten Akteure im Markt
sind. Der Markt ist nämlich so organisiert, daß der
wichtigste Faktor Kapital ist, was bedeutet, daß die
mächtigsten Akteure Menschen mit Kapital sind - das sind die
Menschen, die Handel treiben.
Sie können diese Art von Handel
treiben, weil es keinen Kontakt zwischen Birga und Bomman gibt. Mit dem
heutigen Stand der Technik ist es möglich, Birga und Bomman in
Kontakt zu bringen, und wenn sie diesen Kontakt haben, können sie
darüber entscheiden, wie sie Handel treiben wollen. Mit anderen
Worten geht es in meinem Vorschlag um eine internationale
Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft. Normalerweise gibt es nur
Erzeuger-Genossenschaften oder Verbraucher-Genossenschaften. Wenn es
jedoch eine Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft gibt, können wir
ein Marktsystem schaffen, in dem es ganz andere Regeln und eine ganz
andere Art von Machtverteilung gibt.
Veranschaulichen wir uns das Ganze einmal
mit Zahlen: Bomman investiert 20 Rupien, um ein Kilogramm guten Tees
herzustellen. Wieviel seine Teeblätter nach der Ernte wirklich
wert sind, hat er nicht in der Hand, da das von Faktoren oder Personen
außerhalb der Genossenschaft abhängt. Zur Zeit legt der
Markt den Preis für diese Teeblätter mit 40 Rupien fest. Die
Genossenschaft kann das als Richtpreis nehmen und Bomman 40 Rupien
auszahlen. Weiterhin kommen auf die Genossenschaft Kosten für
Verarbeitung, Verpackung, Versand usw. zu, und wenn dann der Tee
schließlich bei Birga ankommt, kostet er 200 Rupien pro Kilo. In
Deutschland wiederum legt der Markt fest, daß der Preis für
diesen Tee bei 400 Rupien liegt. Die Genossenschaft nimmt auch das als
Richtpreis und daher zahlt Birga 400 Rupien. Wenn dann am Ende des
Ge-schäftsjahres eine Einkommensbilanz aufgestellt wird, hat die
Genossenschaft einen Gewinn von 200 Rupien erwirtschaftet. Die
Genossenschaftsmitglieder können dann entscheiden, wie dieser
Reingewinn verwendet wird. Vielleicht bekommt Bomman ein wenig mehr
für seinen Tee und vielleicht bekommt Birga eine Rückzahlung
für den von ihr erworbenen Tee. Auf jeden Fall können sowohl
Birga als auch Bomman mehr bekommen, als der herkömmliche Markt zu
bieten hat. Und das drückt sich nicht nur in Geld aus, sondern
auch in einem gewisse Zusammengehörigkeitsgefühl! Tee von
jemandem zu trinken, der ihn selbst produziert hat, ist ein Gefühl
wie Mutters selbstgebackenen Kuchen zu essen, und über
erwirtschaftetes Geld gemeinsam zu bestimmen ist wie ein Stück
neugewonnener Freiheit.
Wenn Bomman seinen Tee zum Verkauf
anbietet, nimmt er eventuell eine Art Vorzahlung dafür. Seine
Eigentumsrechte an dem Tee bleiben bei dieser Transaktion bestehen. Man
kann ihn mit seinem Tee als "Investor" in die Genossenschaft sehen.
Wenn Birga diesen Tee kauft, verliert sie nicht die Eigentumsrechte an
ihrem Geld. Man sieht förmlich, wie sie in die Genossen-schaft
durch den Kauf von Tee investiert. Gemeinsam mit Bomman kann sie
entscheiden, wie sie den Gewinn oder manchmal eben leider auch die
Verluste gemeinsam teilen.
Bietet jemand etwas für diesen Tee?
Wir experimentieren in Indien auf kleiner Ebene mit diesem Konzept. Es
gibt noch viel zu tun, aber je mehr wir es weiterentwickeln, desto
klarer werden uns allen die Details werden.