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Das doppelte Auge
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"Wie Adivasi und Deutsche ihren Blick schärfen und neue Welten entdecken":
Bericht über eine Deutschlandreise südindischer Adivasi

Seit 1991 gibt es Kontakte zwischen Adivasi aus dem Gudalur-Distrikt in Südindien, deren dortigen Unterstützern und Menschen in Deutschland. Vor diesem Hintergrund entstand 1995 das Adivasi-Teeprojekt als Arbeitsgruppe der Evangelischen StudentInnengemeinde. Das Projekt sollte zum Erwerb einer Teeplantage durch die Adivasi-Gemeinschaft beitragen. Die Madhuvana-Plantage ist inzwischen vollständig Adivasi-Eigentum. Ihr Betrieb soll die Finanzierung vor allem von Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, die von der Unterstützer-NGO an die Ureinwohner übergeben wurden, ermöglichen.

Der Kontakt zwischen Indern und Deutschen beziehungsweise Adivasi und Deutschen konzentrierte sich nie ausschließlich auf die Organisation von Hilfe, sondern umfaßte immer auch das Element des interkulturellen Austausches. 1997 war in diesem Austauschprozess der Zeitpunkt gekommen, an dem Adivasi aus Gudalur erstmals die PartnerInnen in Deutschland besuchten. Menschen, die ihren Distrikt nie verlassen hatten, denen selbst die Städte ihres eigenen Landes fremd waren, wurde ermöglicht, in eine völlig andere Welt zu reisen. Da der Prozess von gegenseitigen Besuchen, sofern er Reisen nach Deutschland betraf, nicht mehr länger auf Deutsche und indische Adivasi-Unterstützer beschränkt bleiben sollte, war der Besuch zu diesem Zeitpunkt überfällig.

Mari Marcel Thekaekara, Journalistin und Mitarbeiterin der Unterstützer-NGO ACCORD, fand es wert, diese spannende Phase in der Begegnung von Menschen aus extrem gegensätzlichen Hintergründen in Form eines Reiseberichtes zu dokumentieren. Sie beschränkte sich dabei jedoch nicht nur auf das Erleben der Adivasi, sondern erforschte im Rahmen einer eigenen Recherche-Maßnahme auch die Reaktionen der deutschen Seite, was den Titel des Buches erklärt.

Den befremdlichsten Eindruck bei den Adivasi hat die bloße Existenz von Altersheimen in der Kultur des Nordens ausgelöst. Der Besuch einer gut ausgestatteten, gut zu funktionieren scheinenden Einrichtung in Hamburg führte zu erheblichen Irritationen. Es mutete den Adivasi als extreme seelische Grausamkeit an, daß die Senioren fern von ihren Familien in eigenen Heimen separiert leben. In der Adivasi-Gemeinschaft wohnen und arbeiten alle Generationen einer Familie eng unter einem Dach zusammen. Ein Gebot lautet, die alten Menschen wie Götter zu behandeln. Kein religiöses Fest, keine größere Aktivität im Bauernjahr wie Säen oder Ernten kann ohne den Segen der Alten stattfinden. Diese Erfahrung von Kulturschock wurde nicht verdrängt, sondern während und auch noch nach der Reise intensiv diskutiert. Es ehrt die Autorin, daß sie dieses Thema in ihrem Reisebericht nicht ausgespart hat.

Keineswegs war die Befremdung jedoch das prägendste Erlebnis der Begegnungen. Trotz eines ungewohnten Umfeldes strahlten die Adivasi ein hohes Maß an Begeisterung und Energie aus, was in dem Buch durchgehend zum Ausdruck kommt.


Mari Marcel Thekaekara, Das doppelte Auge. Wie Adivasi und Deutsche ihren Blick schärfen und neue Welten entdecken. Ein Reisebericht. Übersetzt aus dem Englischen von Christiane Fischer und Yan-Christoph Pelz. VVB Laufersweiler Verlag 2001, 126 Seiten, ISBN 3-89687-051-3 


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