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Wissenswertes zu den Adivasi


Was bedeutet das Wort "Adivasi"?

"Adivasi" heißt auf Hindi "ursprüngliche Siedler", also "Ureinwohner".

Wie viele Adivasi gibt es in Indien?
Ca. 80 Millionen Adivasi leben in Indien; das sind ca. 8% der indischen Bevölkerung von ca. 1,1 Milliarde Menschen. Damit ist Indien das Land mit der größten Anzahl von UreinwohnerInnen.

Wie viele Adivasi gibt es im Gudalur-Tal?
Die genaue Zahl ist schwierig anzugeben, die Adivasi selbst sprechen von ca. 20.000 bis 25.000 Adivasi.

Wo leben die Adivasi in Indien?
In ganz Indien gibt es Adivasi. Die meisten Adivasi leben in den bevölkerungsreichen Bundesstaaten in Zentralindien. Im Nordosten Indiens haben die Adivasi den größten Anteil an der Bevölkerung – hier sind über 50%, z.T. sogar bis zu 90% Adivasi.

Wie ordnen sich die Adivasi in das Kastensystem ein?
Als (traditionell) Nicht-Hindus stehen sie außerhalb des Kastensystems – und zwar am unteren Ende, d.h. sogar noch unterhalb der Unberührbaren (Dalits). Es gibt aber auch Adivasi, die Hindus sind und einer Kaste angehören, manchmal sogar einer höheren Kshatriya-Kaste.

Wie viele Adivasi-Gemeinschaften (Ethnien/"Stämme") gibt es unter den Adivasi in Indien?
Die Zahlen schwanken zwischen 400 und 500. Eine ethnologische Feldforschung hat 1992 über 600 Adivasi-Gemeinschaften mit je eigener Sprache und Kultur herausgefunden. Sie reichen von wenigen Mitgliedern der kleinsten (vom Aussterben bedrohten) Ethnien bis hin zu mehreren Millionen Mitgliedern. Die Stämme, welche vom indischen Staat als UreinwohnerInnen anerkannt sind, sind als „scheduled tribes“ registriert.

Wo liegt Gudalur?
In den südindischen Nilgiri-Bergen in Tamil Nadu, im Dreiländereck zu Kerala und Karnataka.

Welche Ethnien leben im Gudalur-Tal?
Iruala, Kattunaiken, Todas, Bettakurumba, Mullakurumba, Paniya

Kann man einen Adivasi als Adivasi erkennen?
Die Menschen vor Ort sicherlich, wir häufig kaum. Indizien können eine dunklere Hautfarbe, kleinere Statur, traditionelle Kleidung, Haut-Tätowierungen und sichtbare Armut sein. Aber so könnten auch ländliche Nicht-Adivasi aussehen und Adivasi anders aussehen ...

Wie ist eine traditionell gekleideteR Adivasi aus dem Gudalur-Tal gekleidet?
Es gibt in Stoffen/ Farben/ Stil unterschiedliche Kleidung. Typisch ist ein nackter Oberkörper.

Welche Religionen gibt es in Indien?
Die wichtigsten sind Hinduismus (ca. 80%) und Islam (ca. 11%). Außerdem gibt es große Gruppen von Christen (ca. 2%), Buddhisten, Jainis (Jainismus), Juden, Sikhs (Sikhismus).

Was glauben Hindus?
Hindus glauben an Wiedergeburt und Karma bis hin zur Erlösung (Nirwana). Im Hinduismus gibt es fast so viele Götter wie es Menschen gibt; ein Hindu hat seine "Lieblingsgottheit(en)", die er in Tempeln und an Schreinen während der Gebetszeremonie (Puja) besonders verehrt. Die wichtigsten Götter sind Brahman, Shiva und Vishnu; die wichtigsten Göttinnen sind Saraswati, Lakshmi und Parvati. Der Elefantengott Ganesha ist in Südindien sehr beliebt.

Welchen Glauben haben Adivasi?
Traditionell haben die Adivasi ihren eigenen Glauben – den wir häufig mit den unzulänglichen, eurozentristisch geprägten Begriffen "Animismus" oder "Naturreligion" bezeichnen. Die Adivasi haben dafür keinen eigenen Begriff, da für sie der Glaube das ganze Leben umfasst und nicht davon getrennt werden kann. Sie haben keine Götter, sondern verehren die Natur und die Ahnen. Sie haben keine Tempel, aber heilige Orte (z.B. ein besonderer Baum im Wald), an denen auch Schreine stehen können. Seit Jahrhunderten hat der Hinduismus einen starken Einfluss auf die Adivasi, so dass sich Elemente des Hinduismus (z.B. die Puja) bei Adivasi wiederfinden. Manche Adivasi glauben gleichzeitig an hinduistische Götter. In den offiziellen Statistiken Indiens werden Adivasi als „Hindus“ geführt – auch eine Form der Nicht-Beachtung der Kultur der Adivasi. – Immer wieder traten Adivasi zu Islam oder Christentum über, um von der propagierten Gleichheit aller Menschen zu profitieren bzw. der Benachteiligung zu entkommen; doch das gelingt meist nicht. V.a. im Nordosten Indiens sind die meisten Adivasi infolge von Missionierungen Christen.

Welche gesetzlichen Rechte haben Adivasi?
Sie sind gleichberechtigte BürgerInnen wie alle. In der Verfassung und in Sonder-Gesetzen werden ihnen viele besonderen Rechte zugestanden: Es gibt Quoten für den Besuch öffentlicher Schulen und Universitäten, für Beförderungen in Firmen und für die Parlamente; in der Grundschule soll die Muttersprache unterrichtet werden; Adivasi-Land darf nicht enteignet werden; Adivasi müssen bei Vertreibungen mit Land entschädigt werden etc.

Warum sind die Adivasi benachteiligt?
Durch Landverlust, Umweltzerstörung und Migration können sie kaum noch ihr traditionelles Leben führen. Gleichzeitig fehlen ihnen (Aus-)Bildung, Einkommen und (Land-) Besitz. Sie sind gesellschaftlich nicht anerkannt und als „Waldbewohner“ verachtet. Die vielen guten Gesetze werden nur unzureichend umgesetzt. Häufig wissen die Adivasi nicht, welches ihre Rechte sind oder sie können sich allein nicht durchsetzen.

Warum wollen manche Adivasi einen unabhängigen Staat?
Weil sie glauben, in einem eigenen Staat sind sie nicht mehr benachteiligt und können selbst entscheiden, was geschieht. V.a. im Nordosten Indiens gibt es seit Jahrzehnten (z.T. auch militante) Unabhängigkeitsbewegungen. Der Unionsstaat Jharkhand, der 2000 neu gegründet wurde, ist einer über 50 Jahre langen Unabhängigkeitsbewegung zu verdanken, welche v.a. auch von Adivasi getragen wurde.

Was hat der Wald mit den Adivasi zu tun?
Der Wald ist traditionell sehr wichtig für die Adivasi: Traditionell leben die Adivasi im Wald, ernähren sich von Waldprodukten, jagen, sammeln Früchte, Honig, Heilkräuter, Bambus, Bau- und Feuerholz im Wald (und verdienen sich dadurch auch ein Einkommen) und verehren den Wald religiös. Es gibt keinen individuellen Besitz, sondern der Wald gehört allen ...

Was bedeutet Wanderfeldbau?
Der Wald wird gerodet und für Ackerbau genutzt. Wenn nach wenigen Jahren der Boden nicht mehr so fruchtbar ist, ziehen die Bauern weiter und roden ein weiteres Stück. Inzwischen erholt sich der Boden und wächst die Vegetation nach, bis erneut gerodet wird... Wanderfeldbau ist ein Umweltproblem, wenn die Ruhezeiten für den Boden nicht lang genug sind und er sich nicht erholen kann. Wanderfeldbau ist in Indien aus diesem Grund verboten. In sehr abgelegenen Bergregionen gibt es aber schätzungsweise noch 500.000 Wanderfeldbauern.

Wovon leben die Adivasi heute? Warum sind viele Adivasi arm?
Von Jagd und Sammeln können sie nicht allein leben, da der Wald kaum noch genug hergibt. Die meisten Adivasi sind Bauern oder Landarbeiter und sammeln/jagen "nebenbei". Andere sind traditionelle Kunsthandwerker. Doch falls sie überhaupt eigenes Land für Landwirtschaft besitzen, ist es häufig klein und der Boden schlecht – es reicht kaum, davon zu leben. Die Adivasi müssen Lohnarbeit verrichten (v.a. auf den Feldern anderer) oder verkaufen z.B. Feuerholz oder Bambuskörbe. Sie arbeiten auch auf dem Bau, im Bergbau, in der Industrie. Der Lohn, der ihnen dafür gezahlt wird, ist häufig zu niedrig, obwohl es einen gesetzlichen Mindestlohn gibt. Als Tagelöhner finden sie auch nicht immer Arbeit. Denn als häufig Analphabeten oder mit einer schlechten Schulbildung finden sie keine gute Arbeit. Der Anteil von LehrerInnen, Ingenieuren etc. ist noch recht gering. Häufig werden die Adivasi betrogen und diskriminiert. Zudem leben sie traditionell in ländlichen und eher abgelegenen Dörfern, wo die Infrastruktur sehr schlecht ist.

Was ist mit "Krankheiten der Armut" gemeint?
Dies sind Krankheiten, welche bei guten Lebensverhältnissen kaum auftreten oder kein großes gesundheitliches Risiko darstellen. Unter schlechten hygienischen Bedingungen, bei Mangelernährung und fehlender Gesundheitsversorgung kommt es im Gegenteil häufig zu diesen Krankheiten: Magen-Darm-Infektionen, Malaria, Cholera, Gelbsucht, Tuberkulose, Lepra. Mangelerscheinungen können auch zu Blindheit führen. Schätzungsweise drei Viertel dieser Erkrankungen könnten mit ausreichender Ernährung, sauberem Trinkwasser und besseren sanitären Verhältnissen vermieden werden.

Was bedeutet Schuldknechtschaft?
Schuldknechtschaft ist Frohnarbeit: d.h. Schulden bei Grundbesitzern und Geldverleihern müssen durch Arbeit (im Haus, auf dem Feld ...) abgetragen werden, wenn sie nicht mehr mit Geld, Ernten oder Land zurückgezahlt werden können. Da der Lohn so gering ist und auch Zinsen für den Kredit berechnet werden, kann die Schuld häufig niemals abgetragen werden und noch die Kinder werden in die Schuldknechtschaft hineingeboren. Schuldknechtschaft ist seit 1976 in Indien verboten, aber noch immer gibt es sie – die Zahl kann nur geschätzt werden. Die meisten der Schuldknechte sind Adivasi.

Warum gehen viele Adivasi-Kinder nicht in die Schule?
In den abgelegenen Dörfern gibt es nicht immer Schulen oder der Unterricht findet nur unregelmäßig statt. Adivasi-Kinder werden häufig diskriminiert – und verstehen nicht immer die Unterrichtssprache und verlassen dann die Schule. Zwar muss für öffentliche Grundschulen kein Schulgeld gezahlt werden (wohl aber in einigen Bundesstaaten für die Oberschule), doch kosten die Schulmaterialien. Viele Adivasi-Kinder müssen arbeiten oder im Haushalt helfen. Die meisten Kinder verlassen jeweils die Schule zur Erntezeit ...

Wieso ist das Land der Adivasi bedroht?
V.a. haben Adivasi über ihren traditionellen Besitz keine Besitzurkunden: Wald ist Staatseigentum und auch über Ackerland haben die Adivasi meist keine Urkunden. Wenn sie Land besitzen, verlieren sie es häufig durch Verschuldung und Betrug. Adivasi werden von Nicht-Adivasi oder vom Staat vertrieben – für Land, für Industrie- und Bergbauprojekte. Eine Entschädigung mit Land findet kaum statt. Illegaler Holzeinschlag ist ein großes Problem. Aus Schutzgebieten (für Natur und Tiere) werden die Adivasi ausgeschlossen.

Welche Umweltzerstörungen gibt es in Indien?
Land, Wald und Wasser sind massiv von Umweltzerstörungen aller Art bedroht oder schon verschmutzt: Entwaldung, Erosion und alle Art von Verschmutzung durch Industrieabfälle und –abwasser. Der noch bestehende Wald ist v.a. durch den Bergbau bedroht – der am schnellsten wachsende Exportzweig Indiens.

Seit wann ist Indien ein unabhängiger Staat?
1947 Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft, 1950 tritt die Verfassung in Kraft.

Hat sich die Situation der Adivasi seit der indischen Unabhängigkeit verbessert?
Ja, die rechtliche Situation hat sich verbessert. Tatsächlich hat sich z.B. auch die Bildung und Gesundheit der Adivasi verbessert, doch ist die angestrebte Gleichberechtigung noch nicht erreicht. Z.B. sind immer noch ca. 70% der Adivasi Analphabeten gegenüber 50% in der Gesamt-Bevölkerung.

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