The
Chief
Minister
Government of Kerala
Thiruvananthapuram
India
27. Februar 2003
Sehr geehrter Herr,
es gibt Momente im Leben einer Gesellschaft,
in denen
Ereignisse einen öffentlichen moralischen Aufschrei nötig
machen. Dies ist
solch ein Moment.
Die Gräuel in Muthanga werden in der
Geschichte Keralas als
ein Versuch der Regierung eingehen, einen historischen und
außergewöhnlichen
Kampf um Gerechtigkeit nieder zu schlagen, geführt von den
ärmsten und
unterdrücktesten Gemeinschaften in Kerala. Er geht in die
Geschichte ein, weil
dieser Kampf gerade nicht wie viele andere in Kerala dem zynischen
Machtpoker
der politischen Parteien entsprungen ist. Es ist ein richtiger Kampf
der
Machtlosen gegen die Mächtigen. Das ist der Stoff, aus dem Mythen
entstehen.
Ich besuchte das Waldschutzgebiet Muthanga –
teilweise wurde
es vom kürzlich geschlossenen Unternehmen Grasim's Gwalior Rayons
als
Eukalyptus Plantage genutzt – wo die Polizei des Bundesstaates Kerala
das Feuer
auf Hunderte von Adivasi eröffnete. Ich besuchte auch das Sultan
Bathery-Hospital, das die Verwundeten versorgte. Ebenso stieg ich bei
einigen
Adivasi-Siedlungen ab, die sich in der Nähe des Schutzgebietes
befinden.
Schließlich ging ich zum Calicut-Gefängnis und traf mich mit
C.K. Janu sowie
mit Geethanandan. Beide sind auf dem Weg der Besserung, nachdem die
Polizei sie
übel geschlagen hat. Außerdem sprach ich mit verschiedenen
Augenzeugen über die
Schiesserei.
Es gibt in der jüngeren Geschichte
wenig Parallelen, in
denen die Polizei in Kerala das Feuer auf Hunderte von Menschen
eröffnete;
unter ihnen Frauen, Kinder, Alte und Säuglinge. Allenfalls das
Geschehen von
Jallianwallah Bagh fällt mir dazu ein. Laut Augenzeugen sind die
offiziellen
Angaben über zwei Tote völlig unglaubwürdig. Die
Menschen, mit denen ich
sprach, gaben eine deutlich höhere Ziffer an. Würden die
Betroffenen einer den
Mainstream-Parteien näher stehenden Gemeinschaft angehören,
die Behandlung der
Krise und ihrer Resultate wäre deutlich anders vonstatten gegangen.
Es gibt keinerlei Rechtfertigung oder
Entschuldigung für
das, was geschah. Selbst die Version der Polizei, durch eine
Geiselnahme
provoziert worden zu sein, stellt keine Rechtfertigung dar. Ohne
jeglichen Verhandlungsversuch
das Feuer zu eröffnen, zeugt von einer tiefen Respektlosigkeit
gegenüber
menschlichem Leben – nicht nur das der Adivasi, sondern auch das der
Polizisten
und der Forstbeamten, die als Geiseln genommen wurden. Dies war auch
nicht die
Art, in der Regierungen in der Vergangenheit mit Kidnappings und
Flugzeugentführungen durch wirklich Militante verfuhren.
Diejenigen, die den
Polizisten umbrachten, müssen zweifelsohne bestraft werden. Sie
können jedoch
nicht alle dort befindlichen Menschen – oder die Adivasi Gothra
Mahasabha oder
die gesamte Adivasi-Gemeinschaft – dafür verantwortlich machen.
Die Überlebenden, mit denen ich im
Hospital sprechen konnte,
waren weniger durch ihre eigenen Verletzungen als vielmehr durch die
Ungewissheit traumatisiert, dass einige ihrer Familienmitglieder,
einschließlich kleiner Kinder, vermisst werden. Ich traf einen
Mann, dem das
Kind vom Arm gefallen war, nachdem er durch einen Polizei-Schlagstock
zu Boden
geworfen wurde. Seitdem wird das Kind vermisst. Ebenso gelten andere,
Frauen
und alte Menschen, als vermisst. Es ist nicht bekannt, ob sie tot oder
lebend
sind, sich verletzt und hungrig im Schutzgebiet verstecken.
Eine Woche ist inzwischen vergangen, doch es
gab keinerlei
Bemühungen, Listen von den Vermissten zu erstellen und die Daten
mit denjenigen
zu vergleichen, die im Gefängnis sitzen oder im Hospital sind. So
besteht die
quälende Ungewissheit über geliebte Menschen fort.
Können Sie sich überhaupt
vorstellen, was das bedeutet?
Mittlerweile terrorisiert die Polizei die
Adivasi in der
Region. Polizisten dringen in die Siedlungen ein, verhaften
willkürlich die
Männer, schlagen und verschleppen sie. Die Familien haben keine
Ahnung, was aus
ihnen geworden ist. Als wir in einige Dörfer kamen, fanden wir
Geistersiedlungen
mit einigen wenigen verängstigten Frauen und Kindern. Die
Männer waren
geflohen. Es kostete uns viel Mühe, die Verbliebenen zu
überzeugen, dass wir
nicht der Regierung oder der Polizei angehören. Offensichtlich
soll der Protest
vollständig ausgemerzt werden. Mit diesem eigenmächtigen
Vorgehen gegen die
gesamte Gemeinschaft hofft die Regierung, dass die Menschen ihre
Führer dafür
verantwortlich machen, sie auf diesen Weg mit solch schrecklichen
Ereignissen
gebracht zu haben. Es ist ein ehrloses politisches Spiel von
einschlägigen
Spielern.
Journalisten und Kameramänner wurden
geschlagen und
eingeschüchtert. Nach der Schießerei wurde ihnen der Zugang
zum Innern des
Schutzgebietes verwehrt, wohin sich die Menschen flüchteten. Der
Platz, an dem
die Schießerei stattfand, wurde 15 Stunden lang für die
Medien gesperrt.
Niemand weiß, was in dieser Zeit vor sich ging. Mitglieder der
Zivilgesellschaft, die mit den Adivasi sympathisierten, wurden
terrorisiert. So
verhaftete die Polizei einen Lehrer des District Institute for
Educational
Training, K.K. Surendran. Er wurde in der Haft gefoltert. Man sagt,
sein
Trommelfell sei gerissen. Zur Zeit befindet er sich im
Kannur-Gefängnis.
Das Ergebnis dieser polizeistaatlichen
Maßnahme ist, dass
die Adivasi vor lauter Furcht nicht mehr zur Arbeit gehen. Umgekehrt
stellen
andere aus Furcht keine Adivasi mehr ein. So leiden sie Hunger und sind
vom
Tode bedroht. Ihre Rationskarten für Lebensmittel sind bei der
Schlächterei in
Flammen aufgegangen. Dies ist nun just die Verschlimmerung der
Situation, die
sie zum Kampf um ihr gestohlenes Land geführt hat.
Ich ersuche Sie dringend, all diejenigen
freizulassen, die
grundlos in Haft gehalten werden und ihnen eine sichere Rückkehr
in ihre Dörfer
zu gewährleisten. Die meisten Adivasi haben all ihre weltliche
Habe verloren,
kein Essen, keine Behälter mehr zum Wasserholen und keine
Kleidung. Die Leute
und Gutmeinende mussten ihnen Kleider ins Gefängnis bringen. Alles
wurde von
der Polizei bei ihrer ‚Maßnahme‘ verbrannt und zerstört.
Bei den Berichten über die
Schlächterei und das danach wird
vergessen zu erwähnen, dass diese Auseinandersetzung das Ergebnis
eines dieser
zynischen Versprechen der Regierung von Kerala ist, 53.000
Adivasi-Familien bis
zum Dezember 2002 Land zu geben. Es handelt sich um ein weiteres Glied
in einer
Kette von 28 Jahren unverzeihlicher Manipulation. Unsere Nation
gründet auf den
gebrochenen Versprechen der Politiker.
An Ihren Händen klebt Blut, Sir. Sie
müssen handeln. Und
zwar rasch.
Yours truly,
(Signed)
Arundhati Roy
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